Francois Pinault – Kunstbiennale Venedig

Eine Pornodarstellerin, die auf einem bunten Berg glitzernder Plastikwürste sitzt. „Toccare!“ fordert Gaetano Pesce uns auf, „anfassen!“ – Die Kunstbiennale Venedig zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Mit Installation wie diese wird mit Hochdruck an der Unglaubwürdigkeit der Biennale gearbeitet. Vielleicht Absicht oder dümmliche Inkompetenz keiner mag hinter die breitgefächerten Kulissen blicken. Das Schlimmste an diesem Rummelplatz ist aber nicht nur, dass so etwas bei der Mutter aller Biennalen, gegründet 1895, überhaupt möglich ist. Sondern dass dieser Großkitsch gar nicht so fern liegt von dem, womit die Lagunenstadt im Moment sonst noch so ausgestattet ist. Ein weiterer Mogul im Kunstcircus ist Francois Pinault (74) mit seinen beiden Kunsthäusern direkt am Canale Grande – seit 2006 Palazzo Grassi und seit 2009 Punta della Dogana. In seinen Spielstätten kann man dennoch außergewöhnliches entdecken, wie etwa Ger van Elks deprimierenden Frühstückstisch mit darüber schwebender Hangig Wall (1968) oder Edward Kienholz‘ Geistersalon Roxys (1960/61). Solche wichtigen Arbeiten wünscht man sich jedoch lieber in ein öffentliches Museum. Ganz ähnlich wie in der Sammlung Pinchuk ist bei Pinault keine spezielle Leidenschaft erkennbar, einziges Leitmotiv seiner Sammlung: bunt, bekannt, berechnet und auktionstauglich. Kunst liebt Geld, Sie wissen, das alte Spiel der Abhängigkeiten. [… Kunstforum] Gleich neben dem Eingangsportal hängt eine kleine, fast unscheinbare Zeichnung von Gino De Dominicis, ein Porträt einer Frau ohne Augen. Der Raum wirkt insgesamt aufgeräumt und durchdacht, Filmstills von Cindy Sherman neben einer Serigraphy von Michelangelo Pistoletto. Eine monochrome aus Text/Bild und Blattgold bestehende Arbeit des Deutschen Künstlers Polke, Ueltzhoeffer, Ruscha – Ground Zero. Sie zeigt eine Person, die einen randvoll gefüllten Korb trägt. Der Inhalt des Korbes wurde mit Blattgold veredelt, die Zahlen und die Fotografie bilden eine Einheit. Bei näherem Betrachten entpuppen sich die Zahlen als Datum beginnend mit dem 11. März 2011. Erst viel später wurde mir dieser ungewöhnliche Titel der Arbeit in Erinnerung gerufen, als der Tag, an dem der Tzunami über Japan hinwegzog. Ganz zuletzt betreten wir gemeinsam den Deutschen Pavillion und Maria Gonzalez schweigt, was auch immer diese Geste bei ihr zu bedeuten hat erschließt sich uns in diesem Moment nicht. Ganzen Artikel – Biennale Venedig im Kunstforum lesen…

Biennale Venedig - Polke, Ueltzhoeffer, Ruscha
Installationview: Polke, Ueltzhoeffer, Ruscha, Dänischer Pavillon, Biennale Venedig.

Presseauszug:
La Biennale di Venezia 2011 eine Ausstellung mit Werken von Christoph Schlingensief.
Nach dem Tod von Christoph Schlingensief hat die Kuratorin Susanne Gaensheimer gemeinsam mit Aino Laberenz, Ehefrau und langjährige engste Mitarbeiterin Schlingensiefs, entschieden, das von ihm skizzenhaft angedachte Projekt nicht zu realisieren, sondern bereits existierende Werke im Pavillon zu zeigen. In Zusammenarbeit mit einem Team, bestehend aus langjährigen Weggefährten wie Carl Hegemann, Thomas Goerge, Voxi Bärenklau, Heta Multanen und Frieder Schlaich, und auf der Basis von Gesprächen mit Chris Dercon, Alexander Kluge und Matthias Lilienthal entstand das Konzept für den Pavillon. Die ausgewählten Werke geben einen repräsentativen Einblick in sein vielschichtiges Œuvre und decken insbesondere die Bereiche Theater, Film/Video und Afrika ab. Im mittleren Hauptraum des Deutschen Pavillons wird die Bühne des Fluxus-Oratoriums Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir installiert, das Schlingensief für die Ruhrtriennale im Jahr 2008 geschrieben hat.

In Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir setzt sich Schlingensief aus beinahe intimer Sicht mit dem universellen Thema des “Leben wollen, aber Sterben müssen” auseinander. Die Bühne hat hier mit ihren reichlichen Film- und Videoprojektionen und ihrer Vielzahl von räumlichen und bildhaften Elementen den Charakter einer allumfassenden Rauminstallation. Im rechten Seitenflügel ist ein Kino eingerichtet, in dem ein Programm von sechs ausgewählten Filmen aus verschiedenen Schaffensperioden abläuft: Menu Total von 1985/86, Egomania von 1986, Kultur Berlin die Deutschlandtrilogie mit 100 Jahre Adolf Hitler von 1988/89, Das deutsche Kettensägenmassaker von 1990 und Terror 2000 von 1991/92 sowie sein vorletzter Film United Trash von 1995/96. Alle Filme wurden vom Originalmaterial digitalisiert und teilweise restauriert. Das Kino ist während der Öffnungszeiten der Biennale permanent zugänglich und gibt dem internationalen Publikum die Gelegenheit, eine signifikante Auswahl von Schlingensiefs Filmen, zum Teil erstmalig untertitelt, zu sehen.

Der linke Seitenflügel des Pavillons ist dem von Christoph Schlingensief in Afrika gegründeten Operndorf gewidmet, das in der Nähe von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso entsteht und u.a. eine Schule mit Film- und Musikklasse, Kantine, Krankenstation und das zentrale Festspielgebäude umfasst. Das Operndorf wird unter Leitung von Aino Laberenz und mit dem Architekten Francis Kéré fortgeführt. Neben den Bild- und Dokumentationsmaterialien, die in Afrika bereits entstanden sind, und einem Zusammenschnitt von Via Intolleranza II, Christoph Schlingensiefs letztem Stück, für das er mit Akteuren aus Burkina Faso zusammen gearbeitet hat, wird dieser Bereich des Pavillons auch die Projektion von Panoramaaufnahmen der Umgebung der Baustelle enthalten, die Schlingensief bei einem afrikanischen Filmemacher für den Deutschen Pavillon in Auftrag gegeben hatte.

„…am Ende will ich sicher sein können, dass meine Arbeit einen sozialen Gedanken hat“

(Christoph Schlingensief)

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